Erinnerung an die Studienzeit

Fritz Boddin begegnete ich zum ersten Mal 1946 in Düsseldorf in der Malschule und dann später in der Kunstakademie. Wir hatten den Krieg überstanden und waren trotz der Blessuren nun froh, mit dem Kunststudium beginnen zu dürfen. Fritz war der Ältere, er hatte bereits vor dem Krieg ein Kunststudium begonnen, somit war er auch der Erfahrenere. Er verfügte schon über Kenntnisse und Fertigkeiten, die wir erst noch erwerben wollten. So war zwischen uns nicht nur ein altersmäßiger Abstand. In seiner überlegenen Stellung war Fritz jedoch keineswegs unnahbar, sondern dem Jüngeren gegenüber aufgeschlossen. Bereitwillig, wenn auch distanziert und mit einem feinen Sinn für sprachliche Formulierungen gab er seine Kommentare. Sein Urteil war qualifiziert und deshalb geschätzt, jedoch nie verletzend. Fritz Boddin verfügte über Formen nicht nur in seinen künstlerischen Arbeiten, sondern auch im Umgang mit seinen Studienkollegen. Seine Arbeiten unterschieden sich von denen der anderen dadurch, daß sie deutlicher von der Wirklichkeit, die wir zum Modell nahmen, abwichen. Früher als die meisten von uns hatte er begriffen, daß sich Bildwirklichkeit und Naturwirklichkeit nicht entsprechen müssen. Seine kunstgeschichtlichen Kenntnisse, besonders der neueren französischen Malerei ließen ihn souverän mit Gegenständlichkeit im Bild umgehen, verhalfen seinen Arbeiten zu einem hohen Abstraktionsgrad. Der Vorrat an Bildlösungen und Bildvorstellungen, über die er verfügte, konnten dem Suchenden hilfreich werden. Darin war Fritz Boddin für uns Jüngere von Wichtigkeit. Das um so mehr, als der Leiter der Malschule akademischen Prinzipien anhing und blind war für expressive und surreale Absichten. Charakteristisch war für die Arbeiten von Fritz Boddin der durchdachte und sparsame Einsatz der Mittel. Seine Bilder waren gegenstandsunabhängiger, selbständiger und, wie ich erst später sehen konnte, selbstverständlicher.Nach dieser Selbständigkeit zugunsten einer großen Selbstverständlichkeit hat er immer gesucht. Bei aller Tendenz zur Abstraktion würde ich ihn deshalb auch nicht einen abstrakten Maler nennen wollen. Fritz Boddin geht bis heute immer vom Gesehenen aus, jedoch über der Arbeit verselbständigt sich der Vorwurf zum Bildgedanken. So lassen viele Bilder eine Gegenständlichkeit nicht beim ersten Hinsehen erkennen, obwohl sie von gegenständlicher Wirklichkeit ihren Anstoß erfuhren. Im Bildzeichen gelangt das gegenständliche Erlebnis zur Vereinfachung und Beruhigung.
Die Figur wird kühn in die Fläche verspannt, teils spartanisch diszipliniert, teils malerisch gelöst wird in Farbstrukturen von oft teppichhafter Flächigkeit die Gegenständlichkeit eingewoben, verdichtet. Bewußtsein und Kunstverstand beherrschen die Empfindung, bannen Gesehenes in Bildstrukturen. Zu der Präzisierung des Bildgedankens verhilft neben der entschiedenen Zeichnung ein gelegentlich auf Tonigkeit abgestimmtes Kolorit. Im Aquarell liebt er die impulsive Niederschrift und aggressive Farbigkeit. Die Farbfelder werden geistreich gesetzt und kunstvoll rhythmisiert. Viele Aquarelle haben die Qualität einer Iyrischen Farbmusik. In den Monotypien, Federzeichnungen und Radierungen, die aus dem letzten Jahrzehnt stammen, zeigt sich wie in den Gemälden die Tendenz nach formaler Klarheit. Jedoch werden stärker als beim Malen außergegenständliche Intentionen, gewissermaßen vorgegenständliche Erlebnisse spürbar. Angeregt von den experimentellen Möglichkeiten der Graphik tauchen Zeichen auf, in denen uralte menschliche Erfahrungen nach Ausdruck verlangen. Die Welt formt sich im erweiterten Sinne zu gleichnisartigen Bildgestalten, in denen die jenseits der Gegenständlichkeit liegenden Wahrheiten, Erlebnisse, die noch nicht durch Sachinhalte belastet sind, zur Darstellung kommen. Er gehört zu der Generation von Künstlern, die durch die Auseinandersetzung mit dem Fouvismus und Kubismus geprägt war. Selbst die Ära des Nationalsozialismus und der Krieg konnte diese entscheidende Begegnung seiner Jugendjahre nicht vergessen machen. Eine Bestätigung seiner Vorstellungen von Mensch und Werk fand er in Heinz May, Düsseldorf, und später beispielhaft in der persönlichen Begegnung mit Jacques Villon in Paris. Er ist bis heute ein Suchender geblieben, in seinem Werk zeichnen sich die Erschütterungen der Kunst dieses Jahrhunderts ab. Fritz Boddin ist für mich der sensible Maler, der distanziert urbane Charakter, der geistreiche Gesprächspartner, der anspruchsvolle Musikliebhaber und langjährige Freund.

Walter Cüppers, Neuß, 19. 8. 1980

Professor für Kunst und Werken an der Pädagogischen Hochschule Rheinland